Geschichte der Minensucher der Volksmarine vom Typ MSR lang (Kondor-II-Klasse)

Entwicklung

Um die aus den 1950er stammenden Minenleg- und Räumschiffe vom Typ "Krake" und "Habicht" durch modernere Schiffe zu ersetzen, wurde 1965 der Auftrag zur Entwicklung einer neuen Schiffsklasse erteilt. Unter der Projektnummer 89.0 wurde vom Institut für Schiffbautechnik (IfS) Wolgast und der Peenewerft Wolgast der Prototyp entwickelt. Die Konstruktion wurde mehrfach überarbeitet, um den Anforderungen besser gerecht zu werden. Von 1970 bis 1980 diente der Minensucher als Versuchsschiff im wissenschaftlich-technischen Zentrum in Wolgast bis es 1981 abgebrochen wurde.

Minensucher Projekt 89.0 mit der Indienststellungsnummer V31, später V85

Projekt 89.1

1967 begann die Serienproduktion der Minensucher des Projektes 89.1 (NATO-Bezeichnung KONDOR-Klasse). Bis 1970 wurden 21 Minensuch- und Räumschiffe durch die Volksmarine in Dienst gestellt. Mit der Indienststellung der besser bewaffneten MSR-lang wurden 18 Schiffe der Grenzbrigade Küste übergeben, die anderen 3 wurden der Schulschiffbrigade unterstellt. 1984 wurden die MSR-kurz als Küstenminenabwehrschiffe (KMAW) klassifiziert.

MSR-kurz der Grenzbrigade Küste, vorn die "Templin" Projektnummer 89.109

Auf Basis des Projektes 89.1 wurden 2 Torpedofangschiffe (Projekt 65.1) und 2 Vermessungs-/Aufklärungsschiffe (Projekt 65.2) gebaut.

 Projekt 89.2

Schon 1968 wurde eine Neuentwicklung auf Basis des Projektes 89.1 in Auftrag gegeben. Es wurde die Bewaffnung durch 2 zusätzliche Flak-Geschütze erweitert und eine hydroakkustische  Anlage zur Suche von Minen eingebaut, wodurch es um etwa 4 Meter länger wurde. Diese Änderungen führten zum Projekt 89.2 (NATO-Bezeichnung KONDOR-II-Klasse). Ab 1970 wurden 30 Schiffe als MSR-lang an die Volksmarine übergeben. 1984 erfolgte ein Neuklassifizierung als Hochseeminenabwehrschiff (HMAW).

Unter der Projektnummer 89.235 wurde die "Genthin" gebaut und am 20.07.1972 in Dienst gestellt.

MSR "Genthin" 1977/78

Auf Basis des Projektes 89.2 wurden 2 Spezialschiffe gebaut, das Vermessungsschiff "Carl Friedrich Gauß" des Seehydrographischen Dienstes und die Staatsyacht der DDR "Ostseeland".

 Staatsyacht der DDR "Ostseeland"

Übergabe und Navigationsbelehrungsfahrt

Ein Beitrag von Dieter Junghanns, Funk-Meß-Maat auf der Genthin, Mitglied der Erstbesatzung

 Vor der Übergabe der Minensuch- und Räumschiffe durch die Peene-Werft-Wolgast an die Volksmarine wurden die Mannschaften und Offiziere im Rahmen der „Baubelehrung“ auf den Einsatz vorbereitet. Die zukünftigen Besatzungen wurden zuerst im Fliegerobjekt Karlshagen, später direkt in Wolgast untergebracht. Es war eine sehr intensive Zeit der Ausbildung und des Vertraut-Machen mit der neuen Technik. Neben der Schulung für den Flottendienst wurde auch für die erste große Ausfahrt trainiert.

Im August 1972 fand für die Schiffe der 3. Minensuch- und Räumabteilung (3. MSRA) die Navigationsbelehrungsfahrt nach Riga und Leningrad statt. Daran nahmen die Minensucher „Dessau“ (Baunummer 89.232 / Bordkennung 331), „Bitterfeld“ (89.233 / 332), „Tangerhütte“ (89.234 / 333) und „Genthin“ (89.235 / 334) sowie der Tanker „Hiddensee“ (Kennung C11) teil. Neben der Teilnahme von Stabsoffizieren wurden die eigenen Besatzungen durch Matrosen, Maate und Offiziere anderer Schiffe auf Maximalstärke gebracht. Vermutlich ist das auch der Grund, warum das MSR „Zerbst“ (89.236 / 335), welches zusammen mit der „Genthin“ in Dienst gestellt wurde, nicht an der Ausfahrt teilnahm. Die „Roßlau“ (89.237 / 336) als sechstes Schiff der 3. MSRA wurde erst im September an die Volksmarine übergeben.

Besatzungsmitglieder auf Landgang in Leningrad

Die geschlossene Brücke - der Hauptbefehlsstand

Auf der geschlossenen Brücke befanden sich die wichtigsten Steuer-, Regel- und Schalteinrichtungen, die bei Einsatz in See benötigt wurden. An Steuerbord befand sich die Maschinensteuerung. Markant sind die beiden Hebel zur Regelung der Flunken (Blätter der Schiffsschraube), diese konnten von -10 bis +23 Grad verstellt werden. Dadurch war ein sehr genaues Manövrieren in engen Gewässern möglich. Hinzu kommen die Kontrollanzeigen für Drehzahl und Steigung. Im mittleren Bereich war der Ruderstand untergebracht, somit konnte der Rudergänger den vorderen Flaggstock als Orientierung beim Ansteuern in Fahrwässern nutzen. Vor dem Ruderlagenzeiger war eine Kompasstochter für den Rudergänger angebracht. Des Weiteren waren in diesem Teil der Konsole die Schalter für die Positionslichter verbaut. Ebenfalls für den Rudergänger erreichbar: das Seil für die Betätigung des Typhon (Schiffssirene). Vor der Konsole die 3 Sprachrohre, falls alle anderen Kommunikationsvarianten ausfielen (Maschinenfahrstand, Kommandantenkammer und zum Funkraum). Gut zu erkennen sind auch die Panzerblenden, die bei Verdunklung geschlossen wurden.
Nicht mehr im Bild, weiter nach Backbord stand die Radaranlage.

Brücke des MSR "Hettstedt" (Projekt 89.248)

technische Weiterentwicklung

Auf Grund der im Wissenschaftlich-Technischen Zentrum (WTZ 18 in Wolgast) weiterentwickelten Minenräumgeräte machte sich eine Umrüstung der MSR-lang notwendig. Ende der 1970er Jahre erhielten die V-Schiffe (MSR "Wolgast" (V381), MSR "Genthin" (V382) und MSR "Roßlau" (V383)) neue Heckführungsrollen und einen Leitstand auf dem Achterdeck. Diese Version wurde am 06.06.1978 dem Chef der Volksmarine im WTZ vorgestellt. Im Rahmen der Wartungsarbeiten wurden ab 1980 diese Änderungen in den Flottendienst übernommen. Diese Schiffe wurden MSR-UR (Umrüstung) genannt.

Eine weitere Umrüstung ergab sich durch die Erweiterung der Flugabwehr mittels einer Flugzeug-Abwehrraketen-Start-Anlage (FASTA), nunmehr als MSR-UR2, gegen Ende der 1980er Jahre. Jedoch wurden auf Grund der politischen Änderungen nicht mehr alle Schiffe umgerüstet.

MSR Schönebeck (Projekt 89.250) bei Werftwartung auf Slip
Die "Schönebeck" übernahm die Schiffsnummer 334 nachdem die "Genthin" ins WTZ abkommandiert wurde.

Vorzeitige Stilllegung

Schon Anfang der 1980er Jahre machten sich Treibstoffmangel und fehlende Besatzungen bemerkbar. So wurden zum 01.12.1981 offiziell die "Kamenz" (89.223), die "Zeitz" (89.247) und die "Hettstedt" (89.248) außer Dienst gestellt und im Nordhafen Peenemünde konserviert. Am 24.10.1988 ereilte auch die "Genthin" dieses Schicksal.

Minensucher eingemottet im Nordhafen: 351 Kamenz, 353 Hettstedt und 355 Genthin (v.r.n.l., am 09.10.1991)

Verkauf oder Abbruch

Die Schiffe der DDR Volksmarine passten nicht in das Bewaffnungskonzept der Bundesmarine und der NATO. Somit stand die Frage, was aus den Schiffen werden sollte. Zunächst wurden 3 MSR-kurz vom Bundesgrenzschutz (BGS) und 6 MSR-lang von der Bundesmarine übernommen, diese dienten jedoch weitestgehend als "Vorführobjekte" für potentielle Interessenten.

Die nicht übernommenen Minensucher wurden zusammengezogen und teilweise entmilitarisiert. Auch wenn es ein nicht unbedeutendes Interesse gab, kamen nicht alle geplanten Verkäufe zustande. So wurde zum Beispiel der Verkauf der "Genthin" (und weiterer MSR) an BAIJ-MA Military Departement (Belgien) abgesagt.

Die nicht übernommenen Schiffe wurden zusammengezogen, teilweise entmilitarisiert und warteten auf den Verkauf.

teilweise entmilitarisierte MSR der Kondor-II-Klasse warten auf den Verkauf

Auch in der lokalen Presse wurde mehrfach über das Ende der Schiffe der Volksmarine berichtet, denn auch die Landungsschiffe und U-Jäger teilten das Schicksal der Minensucher.

 undatierter Artikel in der Ostseezeitung

Verkauf

Es wurden 2 MSR-lang an die Marine von Lettland und 4 Schiffe an die Marine von Uruguay verkauft. Am spektakulärsten war sicher die Verschiffung der 9 Minensucher, die an die Marine von Indonesien verkauft wurden. Diese Schiffe sind mit dem russischen Dock-Schiff "Trans-Shelf" transportiert worden. Dazu wurde das Transportschiff achtern abgesenkt, so dass die MSR auf die Ladeplattform schwimmen konnten.

Verschiffung der 9 Minensuch- und Räumschiffe mittels Dockschiff nach Indonesien